Sneakerjagd

Was hat es mit der Sneakerjagd auf sich?

Nach dem jahrelangen Hype um Jeanshosen hat ein weiteres Bekleidungsstück eine fulminante Begeisterung ausgelöst: der Sneaker. Viele junge Leute besitzen angesagte Sneaker-Modelle in mehreren Farbstellungen. Was Kult ist, bestimmen die Trends. Veganer tragen derzeit bevorzugt die Kultmarke Veja. Sportliche Menschen setzen auf einen Imagegewinn durch Nike-, Asics-, Adidas– oder Tommy Hilfiger-Sneaker. Was gerne übersehen wird, ist die immense Menge an Sneakers, die nach wenigen Tragesaisons auf dem Müll entsorgt wird.

Gekauft und entsorgt werden in Deutschland alljährlich mehr als 380 Millionen Sneaker. EU-weit sind es geschätzt 2,5 Milliarden. Niemand wusste bisher, was nach der Entsorgung mit den Schuhen passiert. Mancher ahnt, dass auch die aussortierten Sneaker weder recycelt noch gereinigt und an Bedürftige weitergegeben werden. Was nützten also alle Nachhaltigkeitsversprechen, die heute abgegeben werden? Obsessiver Konsum hat Folgen. Diese wollen die „Sneakerjagd“-Aktivisten aufzeigen.

Was ist das Anliegen der Sneakerjagd-Anhänger?

In Zusammenarbeit mit elf interessierten Prominenten verwanzten die Sneakerjagd-Aktivisten deren ausgemusterte Sneaker mit GPS-Trackern. Die Tracker werden in den Schuhsohlen versteckt. Dadurch konnte man die Wege der entsorgten Sneaker-Modelle bis zu fünf Monate lang verfolgen. Um an möglichst viele Informationen zu kommen, wurden die Promi-Sneaker in unterschiedliche Altkleidercontainer im Stadtgebiet geworfen. Einige wurden bei Modeketten wie Zara oder Sportartiklern wie Nike zurückgegeben, sofern diese die Möglichkeit zur Rückgabe anbieten.

Die Sneakerjagd-Aktivisten stellten eine Dokumentation der GPS-Nachverfolgung öffentlich ins Netz. Einige der Sneakerjagd-Aktivisten reisten sogar den interessantesten Erkenntnissen über Verwertungsketten für die GPS-versehenen Promi-Sneaker nach. Sie interessierten sich dafür, was mit den entsorgten Schuhen vor Ort geschah. Viele Unterstützer und Medien haben sich dieser Initiative mittlerweile angenommen. Sie berichteten ausführlich über die Sneakerjagd-Aktivisten und deren Pläne oder verlinkten die Sneakerjagd-Webseite in sozialen Medien.

Sneaker stellen ein massives Entsorgungsproblem dar

Alleine durch die Masse der entsorgten Sneaker ist ein Entsorgungsproblem von beeindruckender Größe gegeben. Hinzu kommt, dass Sneaker aus diversen, fest miteinander verbundenen Kunststoffen und Lederarten bestehen. Die 22 Sneaker der 11 teilnehmenden Prominenten machten eines der größten weltweiten Probleme der Entsorgung sichtbar. Auch wenn persönliche Erinnerungen an manchem Promi-Sneaker hingen, opferten die Promis für das Projekt bereitwillig getragene Sneaker-Modelle. Jeder von ihnen hatte sich bereits einmal gefragt, was eigentlich mit ihren ausgemusterten Schuhen geschieht.

Die entsorgten GPS-Sneaker sicherten nicht nur wichtige Erkenntnisse über die Entsorgungswege. Die Sneakerjagd-Aktivisten erhielten durch die Teilnahme der Promis auch mehr mediale Aufmerksamkeit. Niemand macht sich Gedanken darüber, was mit den Sneakers aus Altkleidercontainern oder dem Rückversand an einen Hersteller passiert. Durch eine interaktive Karte machten die Sneaker-Jagd-Aktivisten die Wege der verwanzten Sneaker sichtbar. Durch wöchentliche Ergänzungen mit weiteren Informationen wurde die Sneaker-Aktion durch Print-Medien, Online-Podcasts und soziale Netzwerke weit verbreitet.

Die Sneakerjagd-Aktivisten erzählen die Geschichten der Sneaker in Podcasts wie diesem NDR-Podcast.

Ein ökologisches Desaster bahnt sich an

Der „Fast-Fashion“-Trend erzeugt immer mehr Sneaker-Modelle. Die Flut neuer Trend-Modelle verdrängt die bereits getragenen Sneaker aus den Regalen der Käufer. Der Müllberg an Sneakers stellt ein massives Umwelt- und Recycling-Problem dar. Bis zu 40 verschiedene Komponenten und Materialien werden in einem Sneaker-Modell verbaut. Die Bauteile werden mit chemischen Klebstoffen verschweißt. Sie können kaum noch voneinander getrennt werden. Am Ende eines langen Zerfallsprozesses enden viele vermutlich als Mikroplastik.

Auch wenn das systematische „Greenwashing“ unter Sneaker-Herstellern auffällt und Müllvermeidung propagiert wird, sieht die Realität ganz anders aus. Nikes „Move to Zero“-Initiative ist genauso scheinheilig wie die Adidas-Sneaker aus „Ocean Plastic“ oder die „Conscious-Punkte“ von Modehersteller H&M. Der Kunde kauft wegen solcher Initiativen beruhigt neue Sneaker. Er überträgt die Verantwortung für deren Verbleib auf andere. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, hat bei keiner Instanz ein echtes Umdenken eingesetzt. Das wollen Promis und Influencer wie Jan Delay, Kevin Kühnert, Carolin Kebekus, Janin Ullmann oder Luisa Dellert mit der Teilnahme an der Aktion ändern.

Die Sneakerjagd-Aktivisten und die unterstützenden Promis möchten mithelfen, die Erklärungsnot und das Problembewusstsein bei Herstellern und Mode-Giganten zu steigern. Auch wenn das Tracker-Versteck in der Schuhsohle oft schwer umzusetzen war, fanden sich Lösungen. Interessante Erkenntnisse und einige Überraschungen blieben nicht aus: Manche Tracker spielten verrückt. Ihre Akkus fielen schon vor der geplanten Zeit aus. Von Kevin Kühnerts ausgemusterten Sneakers gab es noch ein Lebenszeichen aus Rheinland-Pfalz – und dann trat Stille ein. Ein paar Sneaker von Linda Zervakis überquerte offensichtlich den Suez-Kanal. Bis nach Osteuropa oder in afrikanische Länder führte die GPS-gestützte Sneakerjagd bisher.

Die Sneakerjagd geht in die zweite Runde!

Nun wollen die Aktivisten durch weitere GPS-Tracker in Sneaker-Sohlen eventuellen Umweltsünden und Straftaten auf die Spur kommen. Ersichtlich ist bereits jetzt, dass nicht nur Gottes Wege unergründlich sind – sondern auch die Wege der entsorgten GPS-Sneaker. Die Frage ist nun, ob irgendwo im Entsorgungsprozess etwas vertuscht wird. Die Sneakerjagd-Aktivisten wollen erfahren, wo die GPS-Tracker einem aufmerksamen Zeitgenossen ins Auge gefallen sind und vor ihrer Weiterreise um die Welt entfernt wurden. Sie möchten wissen, auf welchem Kontinent die entsorgten Sneaker am Ende ihr Leben aushauchen.